Montag, 12. August 2013

Kelly-Marie Murphy, Give Me Phoenix Wings To Fly



1997 für das Gryphon Trio geschrieben und von diesem im selben Jahre uraufgeführt, ist Kelly-Marie Murphys Klaviertrio „Give Me Phoenix Wings To Fly“ nun im traditionsreichen Leipziger Verlagshaus Friedrich Hofmeister erschienen. Der Phoenix gab dem Trio Namen und Inspiration – nicht unpassend für ein Klaviertrio, das selbst einen mythischen Riesenvogel im Namen trägt.

Der Mythos vom Phoenix – ein Vogel, der sich selbst im Feuer verbrennt und in seiner eigenen Asche neu geboren wird – hat zu allen Zeiten als kraftvoller Metapher Musiker, Dichter und Künstler inspiriert. Er steht auch für die Fähigkeit des Menschen, selbst nach verheerenden Katastrophen von Neuem zu beginnen und sich selbst stetig neu zu erfinden.

Feuer, Zerstörung und Neubeginn sind auch die drei formgebenden Elemente von Kelly-Marie Murphys Klaviertrio: der erste Satz malt in geradezu naturalistischer Weise das Wesen des Feuers mit flackernden Bewegungen, die zwischen den einzelnen Instrumenten hin- und herwirbeln. Motiv für Motiv wird von der Energie des „Feuers“ emporgeworfen und zerstört, bis nur noch einzelne Fetzen übrige bleiben, die im offen und ohne Metrum notierten zweiten Satz gleichermaßen ersterben – um schließlich im dritten Satz um eine kraftvollere und stärkere Wiederauferstehung zu ringen.

Durch die Verwendung eines gemäßigt modernen Vokabulars gelingt es Murphy, die Balance zwischen erzählender Naivität und komplexer Form einhält in geschickter Weise zu wahren. Das auf diese Weise entstandene Kammermusikwerk sollte trotz seiner avantgardistischen Spieltechniken und zeitgenössischen Tonspracheauch für fortgeschrittene Nicht-Profis zu „schaffen“ sein.  


Kelly-Marie Murphy
Give Me Phoenix Wings To Fly
Violine, Violoncello und Piano
Friedrich Hofmeister Musikverlag
FH 3255


Franz Xaver Süßmayr, Streichtrio in d-moll SmWV 613




„Gelt, da steht wieder der Ochs am Berg! Das verstehst Du noch lange nicht…“

Wolfgang Amadé Mozart zu Franz Xaver Süßmayr


Ob Mozart wohl zu echter Freundschaft fähig war? Wenn man in Selbstzeugnissen liest, wie arrogant und abweisend er sich zuweilen gerade über weniger begabten Zeitgenossen (und wer war das nicht?) gezeigt hat, dann möchte man sich darüber freuen, dass ausgerechnet Franz Xaver Süßmayr einer seiner engsten Freunde gewesen ist. Ihm vertraute er seine Familie an und nach ihm ist einer der beiden überlebenden Söhne benannt – der als Komponist ebenfalls hochbegabte Franz Xaver Mozart. Dass in Wirklichkeit Süßmayr dessen Erzeuger gewesen und seinem Freund somit die Hörner aufgesetzt haben soll, darf man wohl ins Reich der Legende verweisen. Zu groß ist die Ähnlichkeit des Mozartsohnes mit seinem Großvater Leopold und auch das beachtliche Musiktalent dürfte er eher
von Wolfgang Amadé als von Franz Xaver mitbekommen haben.

Nein, Süßmayr war ein anständiger und ehrenhafter Bürger; ein Klosterzögling aus Kremsmünster, wo er im Laufe seiner Schulzeit verschiedene musikalische Ämter versah (unter anderem als Organist, Geiger und Sänger) und bald zum „Hauskomponisten“ des Klosters heranreifte. 1787 zog der 21jährige nach Beendigung seines Studiums nach Wien, wo er nicht nur bald freundschaftlichen Kontakt zu Mozart, sondern auch zu Antonio Salieri unterhielt. Sein Geld verdiente er als Kopist, Musiker – und durch eigene Kompositionen. Süßmayr scheint nicht der Depp gewesen zu sein, als den man ihn heute gerne betrachtet. Wer ihn nur anhand seiner Requiem-Ergänzung beurteilt, verkennt das wahre Potenzial eines zwar nicht genialen, aber überdurchschnittlich begabten Musikers.

Wer zu Hause gerne einmal im Streichtrio spielt, der kann sich davon selbst ein Bild machen: das von Erich Duda vorgelegte Streichtrio d-moll ist wahrscheinlich vor 1792 entstanden und weist zwar einige Unarten auf, die für den Komponisten zu jener Zeit typisch waren (ein zuweilen schwerfälliger Satz und ein bisweilen an der Geduld der Hörer zerrender harmonischer Beharrungswille), diese werden jedoch durch melodischen Charme und einige witzige formale Einfälle wieder wettgemacht. Keine welterschütternde Entdeckung – aber allemal einen zweiten Blick wert.    



Franz Xaver Süßmayr
Streichtrio in d-moll SmWV 613
Violine, Viola und Violoncello
Herausgegeben von Erich Duda
Doblinger Diletto Musicale DM 1392


Satoshi Yagisawa, Love Song für Tuba und Klavier



Für den langjährigen Solotubisten des Boston Symphony Orchestra, Chester Schmitz, war die Sache klar. Um den „Affekt“, den emotionalen Aggregatzustand von Musik zu beschreiben, so lehrte er seine Studenten jahrzehntelang, genüge die Einteilung derselben in „Liebeslieder“ und „Piratenlieder“ ( „There are only two kinds of song – love songs and pirate songs“). Ein Satz aus dem nicht nur amerikanischer Pragmatismus spricht, sondern auch eine gehörige Portion Weisheit. Ist nicht auch das berühmte „Lass ihn kreuzigen“ aus Bachs Matthäuspassion letzen Endes ein „pirate song“.  Dieses Stück jedenfalls ist ein „love song“, wie er im Buche steht: eine warm klingende und zu Herzen gehende Ballade in B-Dur, deren Komponist es versteht, die Balance zwischen gefälligem Tonfall und gelinden musikalischen Neuerungsbestrebungen zu wahren. 


Satoshi Yagisawa
Love Song für Tuba und Klavier
De Haske Publications
ISBN -10: 90-431-2599-7


Alban Berg, Vier Stücke op. 5 für Klarinette und Klavier





„Meine Musik muss kurz sein, knapp!! In zwei Noten nicht bauen, sondern ausdrücken!! Die Musik soll Ausdruck der Empfindung sein, so wie die Empfindung wirklich ist, die uns mit unserem Unbewussten in Verbindung bringt und nicht ein Wechselbalg aus Empfindung und ‚bewusster Logik‘.“

Arnold Schönberg an Ferruccio Busoni

Als Schüler von Arnold Schönberg atmete auch Alban Berg „Luft von anderen Planeten“. Fünf Jahre lang, von 1905 bis 1909 hatte Berg bei dem älteren Kollegen regelmäßig Theorie- und Kompositionsunterricht erhalten. Die Klaviersonate op. 1 bildete den Abschluss dieser Studien, deren Uraufführung jedoch kein großer Erfolg beschieden war. Ihr folgten noch zwei weitere Werke, die Lieder op. 2 nach Texten von Hebbel und Mombert sowie das Streichquartett op.3. Danach geriet Bergs kompositorisches Schaffen ins Stocken – möglicherweise, weil der 25jährige von der Aufgabe in Anspruch genommen war, Klavierauszügen zu Schönbergs Gurreliedern und Franz Schrekers Oper Der ferne Klang für die Universal Edition anzufertigen. Sicherlich spielten aber auch innere Beweggründe eine Rolle: die unbeachtet gebliebene Uraufführung der Klaviersonate, der Wegzug seines Lehrers und Mentors Arnold Schönberg von Wien nach Berlin und vielleicht auch das Gefühl, seinen eigenen Tonfall noch nicht gefunden zu haben.

Erst nach dreijähriger Pause schlossen sich 1913 die nächsten beiden Werke an: die Orchesterlieder nach Ansichtskartentexten von Peter Altenberg und die hier vorgelegten Vier Stücke für Klarinette und Klavier, mit denen Berg endgültig seinen eigenen Tonfall fand.

In ihrer konzentrierten Form erinnern die Vier Stücke durchaus an Schönbergs Sechs kleine Klavierstücke op. 6, mit denen sie die Tendenz teilt, musikalische Gedanken auf nur wenige Takte zu reduzieren und steht damit in starkem Kontrast etwa zu Bergs Klaviersonate, die zwar weitgehend freitonal gehalten ist, mit ihrer überwuchernden Expressivität jedoch immer noch dem Geist der Spätromantik atmet und an weiten Stellen eher wie der Klavierauszug eines Orchesterwerkes anmutet.

In den Vier Stücken ist davon nichts mehr zu spüren – freilich auch nichts von der trockenen Aphoristik Schönbergs. Bergs Musik wirkt durch die Verwendung von Ostinati, akkordischen Wiederholungen und eine mehr angedeutete als konsequent durchgehaltene Reihenthematik emotionaler und in „sich ruhend“. Gleichzeitig verweigert sie sich jeder Gefühlsäußerung, die als romantisch empfunden werden könnte. Diese Musik scheint weder Anfang noch Ziel zu kennen, sie ist buchstäblich, wie es Bergs späterer Schüler Theodor W. Adorno formulierte, „Musik aus nichts.“
Mehr noch als die formale Ästhetik des Werkes scheint Bergs ungewöhnliche Behandlung der Klarinettenregister die Zeitgenossen überfordert zu haben: für Flageoletts, Flatterzunge im dreifachen Forte und in de der tiefen Lage und ähnliche Spieltechniken war die Zeit wohl erst nach dem Ende des 1. Weltkriegs reif. Nach der Uraufführung im Oktober 1919 kam jedoch die Serie erfolgreicher Aufführungen für den Komponisten Alban Berg ins Rollen – bis dieser mit der 1923 erfolgten Uraufführung seines Streichquartetts (wenige Jahre vor „Wozzeck“) der Durchbruch kam.
Die von Ulrich Scheideler besorgte Edition folgt im Wesentlichen der von Alban Berg mit Korrekturen versehenen 2. Auflage der in der Universal-Edition erschienenen Erstausgabe, mit ihrem angenehm ins Auge fallenden Druckbild und einer geschickten Disposition der Systeme (Nummer 3 lässt sich sogar auf drei Seiten ausklappen, um ein Blättern überflüssig zu machen) eignet sich die Henle-Ausgabe gleichermaßen für den Forscher wie für den Praktiker.


Alban Berg
Vier Stücke op. 5
Klarinette und Klavier
Herausgegeben von Ulrich Scheideler
G. Henle Verlag
HN 820


Wolfgang Amadé Mozart, Violinsonaten KV 454, 481, 526 und 547 | Variationen KV 359 und 360





„Ich habe hier nicht keine ruhige stund, ich kann nichts schreiben als nachts; mithin kann ich auch nicht früh aufstehen. Zu allen zeiten ist man auch nicht aufgelegt zum arbeiten. Hinschmieren könnte ich freylich den ganzen tag fort; aber so eine sach kommt in die welt hinaus, und da will ich halt, daß ich mich nicht schämen darf, wenn mein Namm drauf steht. Dann bin ich auc, wie sie wissen, gleich stuff wenn ich immer für ein instrument (das ich nicht leiden kan) schreiben soll. Mithin habe ich zu zeiten um abzuwechseln was anders gemacht, als Clavier duetti mit violin, und auch etwas an der Messe.“


Mozart an seinen Vater (Mannheim, 1778)



Dass Mozart mit Flötenmusik nicht allzu viel anfangen konnte, wissen wir nicht zuletzt aus dem eingangs zitierten Brief an seinen Vater, in dem er von einem Kompositionsauftrag für den niederländischen Ostindienkaufmann Ferdinand Dejean berichtet – Flötenkonzerte und –quartette. Lieber vertrieb er sich die Zeit damit, eine Reihe von Violinsonaten zu schreiben – eben jene sechs Sonaten KV 301-306, die bereits 2003 in der Edition Peters als Band 1 der praktischen Urtextausgabe erschienen sind. Schon damals schien der Spagat zwischen wissenschaftlichem Urtext-Anspruch und Praxistauglichkeit (Wendestellen, Übersichtlichkeit) geglückt.

In einem Kammermusik über Mozarts Violinsonaten zu schreiben, hieße wohl, Eulen nach Athen oder Mozartkugeln nach Salzburg zu tragen. Beschränken wir uns daher im Folgenden auf eine Betrachtung der bei Peters erschienenen Neuausgabe.
 
Cliff Eisens informatives Vorwort gibt nicht nur dem in Sachen Mozart möglicherweise noch wenig bewanderten Anfänger ein gehöriges Rüstzeug zur Einordnung der Musik für Violine und Klavier – oder manchmal auch: Klavier und Violine – und ihre stilsichere Interpretation mit auf den Weg, sie liefert auch Anregungen für die weitergehende Beschäftigung mit Mozarts Kammermusik. Der Kritische Bericht ist ebenfalls so ausführlich ausgefallen, wie man es von einer Urtext-Ausgabe erwarten kann.

Im Vergleich zu anderen Urtext-Veröffentlichungen fällt bei der Peters-Ausgabe zunächst das sehr gedrängt wirkende Notenbild auf: Hier wurde offensichtlich um jeden Millimeter gekämpft. Das Ergebnis ist ein Druck, der sich nicht ganz irritationsfrei vom Blatt spielen lässt, dafür aber ganze Halbsätze auf zwei gegenüberliegenden Doppelseiten unterbringt und in dem auch ansonsten jede Wendestelle genau kalkuliert erscheint – was wiederum vor allem Tonmeister und andere geräuschempfindliche Zuhörer freuen wird.

Cliff Eisens Edition versteht sich nicht als „Fassung letzter Hand“, sondern dokumentiert den Zustand eines Werkes im Augenblick der Niederschrift. Wir wissen, dass Mozart selbst oft nachträglich Hand anlegte und vor allem Verzierungen und Läufe gerne der spontanen Eingebung des Augenblicks überließ – um sie eventuell in einem späteren Arbeitsgang etwa dem Korrekturabzug einer für den Druck bestimmten Sonate hinzuzufügen. oft betreffen diese Änderungen nur wenige Noten, zuweilen aber auch ganze Takte. Ein möglicher Grund für die scheinbaren Widersprüchlichkeiten in den für Urtext-Ausgaben herangezogenen Quellen.

Die Edition Peters entscheidet sich hier für die Fassung des Autographs einschließlich ihrer charakteristischen Notation – etwa die Doppelbehalsung polyphon gedachter Strukturen, Querstriche durch Noten (die gebrochene Akkorde anzeigen) und die spezifische Balkensetzung Mozarts, die oft einzelne Noten von Gruppen ähnlicher Noten absetzt, um Phrasenstruktur und Akzentuierung zu verdeutlichen. Und auch für das Thema „Keil oder Punkt“ wird eine in meinen Augen überzeugende Lösung gefunden, die zudem im Vorwort diskutiert wird.


Wolfgang Amadé Mozart
Violinsonaten KV 454, 481, 526 und 547 / Variationen KV 359 und 360
Herausgegeben von Cliff Eisen
Edition Peters
EP 7579c