Donnerstag, 31. März 2011

Gaetano Brunetti, Streichquintett B-Dur op. 7,3


1771. Kein besonders auffälliges Jahr in der Geschichte der Menschheit: In Deutschland herrscht wieder einmal eine große Hungersnot, in Schweden besteigt ein neuer König den Thron, der berühmte bayerische Räuberhauptmann Matthias Klostermayr (der „Hiasl“) wird verhaftet und hingerichtet – und in Madrid wird das Streichquintett erfunden. Sein Erfinder: der legendäre Luigi Boccherini, Kammerkomponist des spanischen Prinzen Luís Antonio de Borbón y Farnesio. Oder etwa nicht? Und wer ist dann eigentlich dieser Gaetano Brunetti, der im selben Jahr eine Folge von sechs Quintetten für zwei Violinen, zwei Bratschen und Violoncello drucken ließ?

Geboren wurde er 1744 in Italien – vermutlich in Fano – und erwarb sich rasch einen Ruf als herausragender Geigenvirtuose. 1767 begegnen wir ihm am Madrider Hof, wo er unter Karl III. bis zum Violinlehrer und Musikmeister des Prinzen von Asturien, dem späteren König Karl IV., aufstieg. Unter dessen Regentschaft gewann das Musikleben am spanischen Hof an Bedeutung und Brunetti übernahm schließlich die Leitung des 1795 gegründeten königlichen Kammerorchesters.

Wenn das idealtypische Streichquartett nach Goethes Definition eine Unterhaltung unter vernünftigen Leuten darstellt, so ist Brunettis von Tilman Sieber vorgelegtes Quintett eine erregte Diskussion im Debattierclub der Hauptstadt. Lustvoll, virtuos und nicht ohne Humor werden hier Themen und Motive zwischen den fünf Disputanten aufgeteilt, von einer neuen Seite beleuchtet oder karikiert. Weil alle Stimmen beständig ihre Funktion wechseln – nicht einmal die erste Geige spielt ihre Rolle als „primus inter pares“ aus – ergibt sich ein feinnerviger und quicklebendiger Streichersatz mit feinsten klanglichen Abstufungen. Sturm und Drang unter der spanischen Sonne, und eine Musik, die den Vergleich mit Haydns Kammermusik nicht zu scheuen braucht – und die Musik seines Kollegen Boccherini sogar in den Schatten stellt. Schade, dass Brunettis Musik so lange warten musste, bis sie endlich den Dornröschenkuss eines Verlages erhielt. Aber nun kann das Leben ja weitergehen – und wer weiß, welche Schätze noch in den Archiven schlummern. 

Gaetano Brunetti
Streichquintett B-Dur op. 7,3
Herausgegeben von Tilman Sieber
Edition Schott ED 20 427
EUR 39,95

Montag, 14. Februar 2011

Ignaz Pleyel | Trio in e-moll & Quartett in D-Dur

Ignaz Pleyel | Trio in e für 2 Violinen und Violoncello | Herausgegeben von Peter Erhart | Partitur und Stimmen | Doblinger Diletto Musicale DM 1408 | EUR 19,90

Quartetto in D für Flöte (Violine), Violine, Viola und Violoncello | Herausgegeben von Peter Erhart | Partitur | Doblinger Diletto Musicale DM 1409 | EUR 13,90


Lange hat es gedauert, bis sich der Blick der musikalischen Welt vom Zentrum der Musikgeschichte an die Peripherie verlagerte. Die in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts einsetzende Vergewisserung des musikalischen Erbes und die damit verbundene Wiederentdeckung jener Komponisten, die man etwas abschätzig als „Kleinmeister“ bezeichnete. Wer wollte neben Mozart und Haydn, Schumann und Brahms, Wagner und Bach schon bestehen? Inzwischen haben vor allem eine Großzahl hervorragender Aufnahmen sogenannter Spezialisten für „Alte Musik“ dafür gesorgt, dass wir nicht nur die Musik der Großmeister kennen, sondern auch die von Johann Baptist Vanhal, Michael Haydn und den Bachsöhnen Johann Christian und Carl Philipp Emanuel, von Fanny Hensel und Heinrich von Herzogenberg. Wir lesen beispielsweise Telemann neu und erkennen in ihm allmählich den musikalischen Revolutionär, der die große Geste ebenso sicher beherrschte wie Händel, ohne jedoch wie dieser das gleiche Stück sechzig Mal zu schreiben. Ein Kleinmeister?

Vielleicht ist es einfach an der Zeit, der merkwürdig deutschen Unterscheidung in „große“ und „kleine“ Komponisten endgültig „Lebewohl“ zu sagen. Wie fragil diese Kategorisierung zu allen Zeiten war, lässt sich daran ermessen, dass selbst Joseph Haydn lange Zeit nur als „Nebenmeister“ Mozarts galt – und jener allerhöchstens einmal in der Jupitersymphonie „beinahe beethoven’sche Höhen“ erreichte.

Ignaz Pleyel studierte bei Vanhal und Haydn, wurde 1777 Kapellmeister beim Grafen Erdödy, 1789 erster Kapellmeister am Straßburger Münster und 1792 Leiter der „Professional Concerts“ in London. 1795 übersiedelte er nach Paris, wo er eine Musikalienhandlung und 1807 die noch heute bestehende Klavierfabrik gründete. Er komponierte rund 60 Sinfonien, 60 Streichquartette, zwei Opern (eine davon – die „Fee Urgèle“ – für Marionettentheater), etliche Kammermusikwerke und natürlich Kirchenmusik –das übliche Pensum eines Komponisten der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts.

Was hat uns also Ignaz Pleyel zu sagen? Eine ganze Menge, wenn man sich den von Peter Erhart vorgelegten Kammermusikwerken widmet: Wer ein so perfekt proportioniertes Rondo wie jenes aus dem Quartett in D-Dur zu schreiben in der Lage ist und dabei so viel Liebe zum überraschenden Detail verrät, der ist ein Meister aus eigenem Recht und kein Verfertiger musikalischer Dutzendware. Jeder dieser sechs Sätze ist eine Entdeckung: man staunt über die Logik und Stringenz, mit der Pleyel seine originellen Themen und Motive zu immer wieder neuen überraschenden Gesten und Wendungen kombiniert. Diese Musik wirkt so frisch wie an ihrem ersten Tag und demonstriert eindrucksvoll, dass nicht nur Haydn und Mozart sich auf die Kunst verstanden, drei oder vier vernünftige Leute sich miteinander unterhalten zu lassen. Und wenn Ihnen diese Empfehlung noch nicht reicht, lassen wir einem zeitgenössischen Kollegen das Schlusswort. 1784 schrieb der ein Jahr ältere Wolfgang Amadé Mozart seinem Vater über Pleyels Quartette: „Dann sind dermalen Quartetten heraus von einem gewissen Pleyel; dieser ist ein Scholar von Joseph Haydn. Wenn sie selbige noch nicht kennen, so suchen Sie sie zu bekommen. Es ist der Mühe werth. Sie sind sehr gut geschrieben, und sehr angenehm.“






Samstag, 12. Februar 2011

Roland Batik, Konzert für Klavier und Orchester Nr. 2


Auch mit seinem zweiten Klavierkonzert wandelt der 1951 geborene Roland Batik wieder auf den Spuren von George Gershwin und Chick Corea, wenn es darum geht, U und E in der Musik mit einander zu versöhnen. Ging es Gershwin mit seiner „Rhapsody in Blue“, der „Cuban Ouverture“ und dem genialen „Concerto in F“ um den Einzug des Broadway in die Kunstmusik, so öffnete Corea mit „Spain“ dem modernen Jazz die Tore zu den großen Konzertsälen.

In Roland Batiks gerade bei Doblinger erschienenen Klavierkonzert geht es um Pop. Oder um populären Jazz, wie man will. Härter als bei Norah Jones wird es nirgends, aber das ist vielleicht auch gar nicht beabsichtigt. Je länger man sich durch die hervorragend edierte Studienpartitur spielt, hier und da ein wenig vom Orchestersatz zu erhaschen sucht (was nicht so schwer ist, weil Batik es wie sein Landsmann Arnold Schönberg liebt, seine Partituren „in C“, also untransponiert zu schreiben), desto mehr gewinnt man den Eindruck: hier hat einer dem Publikum, sich selbst und dem Orchester einen schönen Abend machen wollen und einfach mal alles in ein Konzert gepackt, was Spaß macht. Rockige Pattern, die aus der Klangwerkstatt von Joe Zawinul (noch ein Österreicher!) stammen könnten, elegische Streichermelodien und süffige Harmonien, crispe Blechbläsereinsätze und reichlich Schlagzeug. Eigentlich genau das richtige Konzert für einen lauen Sommerabend. Gibt es die Mehlgrube in Wien eigentlich noch?

Und wenn man dann noch nicht genug von Roland Batik hat, kann man sich ja noch einen Eindruck von den „New Impressions“ verschaffen. Auch hier gehen der Spaß am musikalischen Material und seiner immer wieder neuen Verarbeitung Hand in Hand mit  schierer Lust an der Virtuosität. Danke nach Wien für diese beiden tollen Stücke!



Roland Batik
Studienpartitur Stp. 749 / Solostimme DOB 01 675
EUR 23,90 / EUR 14,95
Fassung für zwei Klaviere
Doblinger Verlag Wien

Freitag, 11. Februar 2011

Leopold Kozeluch: Sämtliche Sonaten für Klavier



Die beliebtesten und erfolgreichsten Komponisten im Wien des ausgehenden 18. Jahrhunderts hießen nicht etwa Joseph Haydn und Wolfgang Amadé Mozart sondern Ignaz Pleyl, Antonio Salieri und – Leopold Kozeluch: „ohne Wiederrede, bey jung und alt, der allgemein beliebtste, unter unsern itzt lebenden Komponisten“ verzeichnet Gerbers Lexikon der Tonkünstler 1790 und urteilt etwas umständlich, seine Werke zeichneten sich durch „Munterkeit und Grazie, die edelste Melodie mit der reinsten Harmonie und gefälligsten Ordnung in Absicht der Rhythmik und Modulation“ aus. Mit 50 Klavierkonzerten, 30 Sinfonien, 60 Klaviersonaten, mit diversen Solokonzerten sowie mit Opern, Kantaten, Balletts und Oratorien war Kozeluch als Komponist  äußerst produktiv. Doch weder in den Konzertsälen noch im Unterrichtsraum ist sein Name geläufig. Mit der ersten Urtextausgabe der Claviersonaten (soeben ist der erste Band erschienen) im Bärenreiter Verlag – betreut durch den Barock-Spezialisten Christopher Hogwood – soll sich das nun ändern.

Kozeluchs Lebensweg ist nicht untypisch für die kurze Regierungszeit Josephs II.: in nur zwanzig Jahren stieg der 1747 geborene Sohn eines Prager Schuhmachers zum kaiserlichen Kapellmeister auf und starb 1818 hochgeehrt, wohlhabend – und weitgehend vergessen. Was ihm viele Jahre Anerkennung und Aufträge einbrachte, nämlich die Fähigkeit „natürlich, anmutend und fließend“ zu komponieren mit „gut phrasiertem“ Rhythmus, „gut plazierten“ Akzenten und „reiner Harmonie“, wurde schon bald nach seinem Tod gegen ihn verwendet. Zu rein, zu gefällig und zu harmlos. Ein bloßer Vorläufer, ein Bindeglied, ein „Kleinmeister“.

 Dabei war er ein exzellenter Komponist von eigenem Rang, der Schubert und Beethoven sowohl in ihrem tragisch-pathetischen Ausdruck vorwegnahm (wie in den Einleitungen zu seinen Sonaten in Moll-Tonarten), als auch eine viel gepriesene Form des langsamen Satzes propagierte. Für diese Einschätzung zitiert Hogwood als Zeitzeugen das britische „Monthly Magazine“ von 1800: „Die Instrumentalmusik scheint jetzt perfekter zu sein als in allen früheren Perioden. Wenn die modernen Pianoforte-Sonaten auch nicht die Wildheit und Originalität von Domenico Scarlattis Cembalo-Musik haben, sind sie doch planvoller, melodiöser, und in einigen Adagios (besonders von Koželuch) ist die Melodie so kantabel und expressiv, dass es die Vollendung von dieser Art Musik zu sein scheint“.

Selbst wenn man dieses hohe Lied nach zwei Jahrhunderten eine Terz tiefer anstimmen muss – der klavierpädagogische Wert von Koželuchs Sonaten ist, gerade auch im Vergleich zu den Sonaten von Clementi, Dussek oder Kuhlau, beachtlich. Denn das Klavierwerk des böhmischen Meisters ist zwar für den Gebrauch von Laien und für musikalische Privatunterhaltungen konzipiert, ist aber „klassisch“ im besten Sinne; durchdacht konstruiert und eingänglich komponiert, „zeigen sie präzise bis zur Perfektion die Eigenschaften, die Theoretiker für eine Sonate am Ende des 18. Jahrhunderts beschrieben haben.“ (Hogwood).

Die technischen Anforderungen bewegen sich im soliden Mittelfeld – nichts, was man nicht nach zwei oder drei Jahren Unterricht bewältigen könnte. Die Bärenreiter-Ausgabe ist wie gewohnt exzellent gedruckt und mit einem umfangreichen Anmerkungs-Apparat ausgestattet. Für erfahrene Klavierspieler dürfte diese Ausgabe eine echte Entdeckung darstellen.



Leopold Kozeluch
Sämtliche Sonaten für Clavier, Band 1
Herausgegeben von Christopher Hogwood
Bärenreiter Verlag BA 9511
EUR 39,95

Mittwoch, 9. Februar 2011

Märchenhafte Bratschenmusik: Johan Severin Svendsen, Romanze G-Dur


Das Leben von Johan Severin Svendsen gleicht einer romantischen Geschichte, wie sie von Hans Christian Andersen hätte erfunden sein können. Der 1840 im norwegischen Christiana geborene Musik gehörte als junger Geiger zu den größten Hoffnungen seiner Nation und erhielt wegen seines außerordentlichen Talentes ein königliches Stipendium für das in der musikalischen Welt damals führende Leipziger Konservatorium. Der 23jährige wurde von Ferdinand David (für den sein Freund Felix Mendelssohn das berühmte Violinkonzert geschrieben hatte) im Geigenspiel und Dirigieren unterrichtet, studierte Komposition bei Carl Reinecke, Musiktheorie bei Moritz Hauptmann und Kontrapunkt bei Ernst Friedrich Richter. Doch eine Erkrankung an der Hand beendete die Solistenkarriere frühzeitig und zwang Svendsen, sich –ähnlich wie Robert Schumann – verstärkt dem Komponieren zuzuwenden. Und anders als Schumann feierte er auch als Dirigent große Erfolge.



Während die Musik von Johan Severin Svendsen in Norwegen häufig gespielt wird und auch auf Tonträgern gut dokumentiert ist, dürfte sie für den mitteleuropäischen Musikfreund eine angenehme Entdeckung darstellen. Seine beiden Symphonien, die beiden Konzerte für Violine und Violoncello, seine norwegischen Rhapsodien oder die programmatischen Orchesterstücke atmen die klare Luft Skandinaviens und finden einen ganz eigenen Tonfall, der sich kaum mit dem Altersgenossen Edvard Grieg vergleichen lässt, mit dem Svendsen befreundet war. Mit der ruhigen Geduld und großzügigen Gelassenheit, in der er etwa in den Rhapsodien musikalische Ereignisse in Gang setzt, wirkt Svendsen wie der heitere Bruder von Anton Bruckner und Jean Sibelius. Vieles weist auch auf Ralph Vaughan Williams voraus und bleibt doch unverwechselbar eigen. Hier sind noch viele Entdeckungen zu machen – und dies besonders im Bereich der Kammermusik, die noch längst nicht verlegerisch erschlossen ist.



Seinen kleinen Anteil an der Unsterblichkeit erlangte Svendsen jedoch mit der in zwei Tagen niedergeschriebenen Romanze G-Dur für Violine und Orchester, die sich von der Uraufführung bis heute anhaltender Beliebtheit erfreut. Es ist ein frisches und anmutiges Werk, dessen Solopart von ambitionierte Laien gut zu bewältigen ist. Dies gilt sowohl für die Originalfassung als auch für die hier vorliegende Bearbeitung für Bratsche und Klavier. Während die Klavierbearbeitung vom Komponisten selbst stammt und sehr idiomatisch klingt, wurde die Solostimme von den Herausgebern behutsam an die Klanglichkeit der Bratsche angepasst und mit Fingersätzen und Bogenbezeichnungen versehen. Eine echte Bereicherung des romantischen Bratschenrepertoires, das so oft düster-vergrübelt daherkommt. Hier ist ein leichtes und luftiges Sommerstück! 




Johan Severin Svendsen
Romanze G-Dur op. 26
Viola und Klavier
Herausgegeben von Semjon und Bella Kalinowsky
Edition Peters
EP 9016a

Dienstag, 8. Februar 2011

Hornquintette von Mozart, Beethoven und Nisle


Wie man den Klang von Streichinstrumenten und Hörnern auf elegante und aufregende Weise kombiniert, hat schon ein Menschenalter vor Mozart und Beethoven der Köthener Kapellmeister Bach in seinem 1. Brandenburgischen Konzert vorgemacht. Wie dort ein ohnehin schon peppiges Concerto grosso durch den Einfall einer wilden Parforcejagd mit den dazugehörigen Hörnern aufgejazzt wird, bis es die Zuhörer von den Stühlen reißt: das war bereits 1721 großes Kino! Man darf ja nicht vergessen, dass dem Horn immer noch der Ruf des Naturinstruments für Feld, Wald und Pachtwiesen anhing. Erst allmählich fand es seinen Platz in der Orchestermusik und blieb noch (mit Ausnahme des Bläserquintetts) bis ins 20. Jahrhundert ein Exot in der Kammermusik.

Wie man ein paar Generationen nach Bach mit der reizvollen Kombination Horn vs. Kammermusik umging, zeigen drei Neuerscheinungen dieser Wochen.

Dass sich Mozart gleich mehrfach auf das Abenteuer einließ, ist sicherlich seiner Freundschaft zu Ignaz Leutgeb zu verdanken. Dem außergewöhnlichen Hornvirtuosen schrieb er gleich drei Konzerte auf den Leib – und eben das außergewöhnliche Quintett KV 407. Statt mit zwei Violinen ist das begleitende Streichquartett mit zwei Bratschen besetzt, was dem dunklen, warmen Timbre des Horns entgegenkommt und dem Werk seine besondere Klangwirkung verleiht. Gelegentlich dringen Anklänge aus Mozarts „Entführung aus dem Serail“ an das Ohr des Hörers, was für eine Entstehungszeit um 1782 spricht. Genaues weiß man nicht – das Autograph ist verschollen.

Mit dem Triumphzug der Wiener Klassik im Gefolge der Aufklärung wandelten sich nicht nur die sozialen Umstände, unter denen Musik gemacht wurde. Auch die Ästhetik nach 1800 war eine völlig andere. Ganze Formen und Besetzungsformen verschwanden spurlos: etwa das Divertimento, für das im bürgerlichen Zeitalter, das lieber selbst musizierte, als seine Hofkapelle auftreten zu lassen, kein Platz mehr war. Da verwundert es kaum, dass auch Beethoven nach 1800 keine Kammermusik für Bläser mehr schrieb. Er hatte dem Genre ohnehin skeptisch gegenüber gestanden… 1795 hatte er hingegen noch Zeit, Lust (und wahrscheinlich auch einen Auftraggeber) für das vor allem in den Hornstimmen erstaunlich virtuose Sextett op. 81b. Die Henle-Ausgabe bietet die Basspartie erstmals so, wie von Beethoven vorgesehen: für Violoncello und verstärkenden Kontrabass. Außerdem enthält sie zusätzlich zu den originalen Hornstimmen in Es transponierte Stimmen in F.

Mit seinem musikalischem Genie reicht der 1780 geborene Johann Friedrich Nisle sicherlich nicht an die Riesen Mozart und Beethoven heran – dafür verfügt er ihnen gegenüber einen Vorteil: Nisle war nicht nur ein tüchtiger Komponist mit genialischen Zügen, sondern muss auch ein exzellenter Hornist gewesen sein. Sein Quintett in der ungewöhnlichen Besetzung für Flöte, Violine, Viola, Horn und Violoncello fällt durch unorthodoxe Formen und eine gewisse Kleingliedrigkeit auf, die man auch als „atemlos“ bezeichnen könnte. Dem ersten Satz geht eine lange mehrteilige Einleitung voran, im Zentrum steht ein Menuett und als Abschluss dient ein „alla siciliana“. Der Hornpart bereitet einem geübten Spieler wahrscheinlich keine ernsthaften Probleme, ist jedoch auf einem Naturhorn wegen der zahlreichen Wechseln zwischen offenen, halboffenen und gestopften Tönen kaum zu spielen. Nisle muss wirklich ein exzellenter Virtuose gewesen sein! Die Häufung wechselnder Affekte und die abrupten Übergänge verleihen  dem Werk einen zerrissenen Charakter, der im Konzert sehr effektvoll werden kann. Wenn es denn zu einer Aufführung kommt: der gepfefferte Preis von 125 Euro für nicht besonders aufwändig gestaltete Partitur und Stimmen dürfte viele Musiker abschrecken.



Wolfgang Amadé Mozart
Hornquintett Es-Dur KV 407 (386c)
Herausgegeben von Henrik Wiese und Norbert Müllemann
G. Henle Verlag
Studienpartitur HN 9826 / Stimmensatz HN 826
EUR 8,- / Eur 16,-

Ludwig van Beethoven
Sextett Es-Dur op. 118b
2 Hrn, 2 Vl, Vla und Bass
Herausgegeben von Egon Voss
G. Henle Verlag
Studienpartitur HN 9955 / Stimmensatz HN 955
EUR 10,- / EUR 20,-

Johann Friedrich Nisle
Quintuor op. 26 für Flöte, Violine, Viola, Horn und Violoncello
Herausgegeben von Christian Vitalis
Edition Dohr
Partitur ISMN M-2020-1396-0 / Stimmensatz ISMN M-2020-1397-7
EUR 49,80 / EUR 75,80


Montag, 7. Februar 2011

Johann Gottlieb Graun: Konzert für Violine, Viola und Orchester c-moll




Der Musik der sogenannten „Berliner Klassik“ haftet in der deutschen Musikgeschichte immer ein wenig der Ruf des „provinziellen“, zweitklassigen Komponierens an. Während in Wien Haydn, Mozart und Beethoven den Ton vorgaben oder sich zweihundert Jahre lang zwischen Dresden, Halle und Leipzig mehr geniale Musiker tummelten als in jeder anderen Region Europas, hießen die führenden Köpfe in der preußischen Residenzstadt Carl Philipp Emanuel Bach, Christoph Schaffrath, Johann Peter Reichardt, Carl Zelter oder eben Johann Gottlieb Graun. Dass sich die Komponisten der Berliner Schule zudem als Förderer einer Laienmusikkultur verstanden, hat dazu geführt, dass sich neben einigen Juwelen eben auch unfassbar viel Gebrauchsmusik im gewaltigen Bestand der Berliner Staatsbibliothek findet, etwa im Archiv der Berliner Sing-Akademie, das vor knapp zehn Jahren seinen Weg aus der Ukraine zurück nach Deutschland gefunden hat.

Einer dieser Juwelen ist gewiss Johann Gottlieb Grauns Concerto für Violino concertante, Viola da gamba, Streicher und Basso continuo, dass in der Edition Güntersberg sowohl in der Originalbesetzung als auch in der überlieferten Fassung für die Soloinstrumente Violine und Viola vorgelegt werden.

Das dreisätzige Werk fasziniert durch seine Mischung aus spätbarocker Musizierhaltung und einer dramatischen Einbeziehung neuer klanglicher und formaler Ideen, wie sie zur Mitte des 18. Jahrhunderts im Gefolge von „Sturm und Drang“ auch in der Musik Einzug hielten: rascher Wechsel von forte und piano (regelmäßig sogar pianissimo), lange Diminuendo-Passagen, die wie in Zeitlupe zerdehnte Sforzati wirken und die das ebenso spielerisch wie todernst wirkenden Wechselspiel der beiden Solisten, die sich passagenweise ins Wort fallen treiben den ersten Satz in der Schicksalstonart c-moll über zweihundert Takte lang zu einem furiosen Zwischenhalt.

Die Spannung löst ein wunderbar singendes „Adagio con sordini“ in g-moll, das von der Bratsche (resp. Gambe) nicht selten zweistimmiges Spiel verlangt, so dass die Solisten eine regelrechte Concertisten-Gruppe bilden, welche dem Tutti als eigenes Ensemble gegenüberstehen. Nur ein Beispiel für Grauns Instrumentationskunst, die sich in allen Sätzen den besten Werken Haydns ebenbürtig zeigt. Die beiden Hornstimmen, die Sing-Akademie-Chef Carl Zelter um 1800 der Partitur hinzugefügt hat, sind also eigentlich unnötig – sie zerstören meines Erachtens sogar das von Graun überaus sorgfältig ausgehörte Gleichgewicht der Klänge. Dennoch – weil sie eben auch schon historisch sind – haben sie zu Recht ihren Einzug in die (im Übrigen mustergültige) moderne Erstausgabe gefunden.

Das Finale hat es dann noch einmal in sich: kein hurtig dahin huschendes 6/8-Rondo, wie ich es erwartet hätte, sondern eine schwergewichtige, unglaublich farbige und dramatische Polonaise, die noch einmal alle Register spätbarocker Affektkunst zieht.



Johann Gottlieb Graun
Konzert für Violine, Viola und Orchester c-moll
Herausgegeben von Lysiane Brettschneider und Günter von Zadow
Edition Güntersberg
Partitur G-070-1 / Stimmensatz G-070-2 / Klavierauszug G-070-3
EUR 29,- / EUR 49,- / EUR 24,80