Peter Przystaniak
Five
Angels für Klarinette und Klavier (Violine und Violoncello ad lib.)
Mit
CD
Weitere
Fassungen für Flöte, Violine, Viola und Violoncello
Edition
Peters EP 11320
EUR
14,80
I.
Gabriel - die Reinheit Gottes (2008)
II.
Haniel - die Gnade Gottes (2008)
III.
Mikael - der Gott gleicht (2008)
IV.
Raphael - die heilende Kraft Gottes (2008)
V.
Kamael - die Macht Gottes (2008)
„Es gibt immer wieder
Ereignisse, die sich mit unserem Verstand nicht hinreichend erklären lassen.
Die Frage nach dem Warum versuchen wir dann manchmal zu beantworten, indem wir
uns mitunter auf eine religiöse oder spirituelle Ebene begeben. Obwohl ich als
Musiker und Komponist ständig mit Musik zu tun habe, konnte ich mir in einer
schlaflosen Nacht im Mai 2008 nicht erklären, wie die Musik des vorliegenden
Stückes in einer Art Eingebung in meinen Kopf gelangte. Nach längerem und
intensivem Nachdenken kam ich zu der Überzeugung, dass höhere Wesen, nämlich
Engel im Spiel gewesen sein mussten.“
In
„Five Angels“ geht es um Engel – genauer gesagt: um die fünf Erzengel Gabriel,
Haniel, Mikael, Raphael und Kamael. Eine fünfsätzige Komposition für Klarinette
und Klavier, deren Sätze einzeln gespielt werden können, aber auch zusammen
eine prima Suite abgeben. Und mit zusätzlichen Stimmen für Violine und
Violoncello lässt sich das Stück sogar zu einer veritablen Quartettbesetzung
erweitern. Und natürlich gibt es auch ein Solofassung für Flöte, Violine, Viola
oder Violoncello.
Wer
bei Begriffen wie „variable Besetzung“ oder „auff allerhand Instrumenten zu
gebrauchen“ zusammenzuckt und sich nichts Besonderes davon erwartet, der wird
von Przystaniak rasch eines Besseren belehrt. In den fünf Einzelsätzen
verbinden sich lateinamerikanische Rhythmen und Jazz-Harmonien mit Filmmusik
und Gospelklängen, die Klarinette darf ein wenig klezmern und wer sich als
Pianist beizeiten einen groovigen Rockmusikanschlag zugelegt hat, der wird sich
mit dem treibenden und perkussiven Klaviersatz in den schnellen Rahmensätzen
leichter tun als ein „klassische Pianist“, der vor allem Tonleitern und
Arpeggien in seinem technischen Marschgepäck mit sich führt. Der könnte
allerdings in den beiden langsamen Sätzen seine bei Debussy und Chopin
erworbene Kenntnisse in punkto Schattierung und farbigem Spiel einsetzen.
Wenn
man ehrlich ist, dann haben die Satzüberschriften nicht so schrecklich viel mit
der Musik darunter zu tun. „Gabriel – die Reinheit“ Gottes – er könnte seine
halsbrecherische Toccata im Bossa-Rhythmus (Abbildung 1) auch gegen die
elegischen Klänge von „Haniel – die Gnade Gottes“ tauschen. Das würde auch
passen und ginge in Ordnung. Dass allerdings Mikael („der Gott gleicht“) in
Form eines sportiven Jazzrocktitels im West-Coast-Style daherkommt, ist schon
lustig. Und übrigens gar nicht so einfach zu spielen, wenn man keinen Drummer
hat, der den Pianisten im Zaum hält.
Die
kontrastreichen und bildhaften „Angels“ dürften vor allem jüngere Spieler in
ihrem Bann ziehen. Wie eine „Neue Kammermusik“ aussehen könnte, die jugendliche
Musiker anspricht, darüber ist in den letzten Jahren manche These aufgestellt
und mancher Takt geschrieben worden. Nicht immer zur Freude und zum
Spielvergnügen der jungen Musiker. Nie mehr im Leben hat man so viel Kraft mit
fünfzehn oder sechzehn Jahren – und die will man auch in der Musik umsetzen.
Pianisten entdecken Rachmaninoff, Streicher verlieben sich in die Konzerte von
Sibelius und Schostakowitsch, Bläser schließen sich zu Bands und
Harmoniemusiken zusammen und alle lieben Filmmusik, Rockmusik und die Symphonien
von Gustav Mahler. Doch neue Kammermusik, die allen diesen Bedürfnissen
entgegenkommt, ist schwer zu finden. Was angeboten wird, ist oft mittelmäßig
seichter Pseudo-Pop, der „nachgemacht“ klingt und oft auch schlecht in der Hand
liegt. Oder es ist so verstiegen und „theoretisch“, dass auch der Neugierigste
irgendwann seine Neugierde zügelt und sich lieber wieder anderen Tätigkeiten
widmet.
Was
vielleicht auch daran liegt, dass die Komponisten von „klassischer Musik“ sich
immer noch viel zu wenig mit populären Kunstformen auskennen – und umgekehrt
viele Popmusiker nicht über die handwerklichen Fähigkeiten verfügen,
Kammermusik auf professionellem Niveau zu schreiben. Und wenn es dann mal
geschrieben wird, dann will es niemand verlegen, weil es für die einen zu schwer
und für die anderen zu leicht sein könnte. Und weil einem eventuell die ganze
Richtung etwas suspekt ist.
Mit
den „Five Angels“ könnte Peters einen Trend setzen. Anspruchvolle Kammermusik
im populären Stil, die genug Fallgruben und Hürden bereithält, um den strengen
Anforderungen von „Jugend musiziert“ zu genügen – so etwas braucht man doch
eigentlich immer. Man denke nur an viele triste Runden bei „Jugend musiziert“,
bei denen man mit dieser Musik durchaus Chancen haben dürfte. Oder an
ambitionierte Vorspielabende der heimischen Musikschule, die nicht immer
dasselbe Potpourri bieten will. Hoffen wir, dass die „Five Angels“ nur einen
Anfang bilden für viele schöne Stücke, die noch folgen werden.
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