Mittwoch, 25. Januar 2012

Aleksey Igudesman | Pigs Can Fly




Aleksey Igudesman | Pigs Can Fly | Leichte Geigenduette mit Gedichten und CD | Universal Edition UE 33 938

Die Geigenalben des 1973 in Leningrad geborenen Aleksey Igudesman, gehören zum Besten, was in diesem Bereich in den letzten Jahren erschienen ist: unterhaltsame, originelle und hervorragend geschriebene Spielstücke für zwei Geigen, die den Spielern eine ganze Menge Spaß machen und darüber hinaus auch noch dem pädagogischen Härtetest standhalten.

Aleksey Igudesman wurde 1973 in Leningrad in der ehemaligen Sowjetunion geboren. Als er sechs Jahre alt war, emigrierte seine Familie nach Deutschland. Im Alter von 12 Jahren wurde Aleksey Igudesman an der international renommierten Yehudi Menuhin School nahe London, England aufgenommen. Von 1989 bis 1998 studierte er Violine bei Boris Kuschnir am weltbekannten Konservatorium Wien.

Der klassische Weg zum reisenden Geigenvirtuosen hätte nun die Teilnahme an einigen Dutzend Wettbewerben vorgesehen, Konzerte mit unbekannten und bekannten Orchestern, Festivals und Plattenaufnahmen – und natürlich immer mit den Violinkonzerten von Brahms und Tschaikowsky im Gepäck. Igudesman entschied sich jedoch dafür, Spaß zu haben und gründete mit den Streicherkollegen Daisy Jopling und Tristan Schulze „Triology“ und widmete sich fortan höchst erfolgreich der Erkundung des schmalen Grenzbereichs zwischen U und E. Seine Show „A Little Nightmare Music“ ist ein Quotenrenner bei Youtube und zu den Musikern, mit denen Igudesman bereits zusammengearbeitet hat, zählen neben den Rocklegenden Kim Wilde, Sinead O’Connor oder den Simple Minds auch Hollywood-Komponist Hans Zimmer oder die klassischen Kollegen Julia Fischer, Gidon Kremer, Mischa Maisky oder Julian Rachlin.

Der Mann weiß also, was er tut, komponiert wie ein Teufel und führt seine – meistenteils humorvollen und schrägen – Kompositionen vor aller Welt vor: sein Album „Celtic & More“ mit Bearbeitungen irischer und schottischer Volkslieder für zwei Violinen etwa gemeinsam mit dem Schauspieler Sir Roger Moore. Den Praxistest hat seine Musik also bereits bestanden, bevor sie im sauberen Druck zwischen zwei schöngestalteten Umschlagdeckeln bei der Universal Edition verlegt wird. Und das merkt man ihr an. Wenn Sie also auf der Suche nach leichten bis allerhöchstens mittelschweren Geigenduetten sind, den schrägen Gedichten des Komponisten und den Zeichnungen seines Geigenkollegen Julian Rachlin ebenfalls etwas abgewinnen können – dann ist „Pigs Can Fly“ genau das Richtige für Sie!


Peter Przystaniak | Five Angels





„Es gibt immer wieder Ereignisse, die sich mit unserem Verstand nicht hinreichend erklären lassen. Die Frage nach dem Warum versuchen wir dann manchmal zu beantworten, indem wir uns mitunter auf eine religiöse oder spirituelle Ebene begeben. Obwohl ich als Musiker und Komponist ständig mit Musik zu tun habe, konnte ich mir in einer schlaflosen Nacht im Mai 2008 nicht erklären, wie die Musik des vorliegenden Stückes in einer Art Eingebung in meinen Kopf gelangte. Nach längerem und intensivem Nachdenken kam ich zu der Überzeugung, dass höhere Wesen, nämlich Engel im Spiel gewesen sein mussten.“



In „Five Angels“ geht es um Engel – genauer gesagt: um die fünf Erzengel Gabriel, Haniel, Mikael, Raphael und Kamael. Eine fünfsätzige Komposition für Klarinette und Klavier, deren Sätze einzeln gespielt werden können, aber auch zusammen eine prima Suite abgeben. Und mit zusätzlichen Stimmen für Violine und Violoncello lässt sich das Stück sogar zu einer veritablen Quartettbesetzung erweitern. Und natürlich gibt es auch ein Solofassung für Flöte, Violine, Viola oder Violoncello.

Wer bei Begriffen wie „variable Besetzung“ oder „auff allerhand Instrumenten zu gebrauchen“ zusammenzuckt und sich nichts Besonderes davon erwartet, der wird von Przystaniak rasch eines Besseren belehrt. In den fünf Einzelsätzen verbinden sich lateinamerikanische Rhythmen und Jazz-Harmonien mit Filmmusik und Gospelklängen, die Klarinette darf ein wenig klezmern und wer sich als Pianist beizeiten einen groovigen Rockmusikanschlag zugelegt hat, der wird sich mit dem treibenden und perkussiven Klaviersatz in den schnellen Rahmensätzen leichter tun als ein „klassische Pianist“, der vor allem Tonleitern und Arpeggien in seinem technischen Marschgepäck mit sich führt. Der könnte allerdings in den beiden langsamen Sätzen seine bei Debussy und Chopin erworbene Kenntnisse in punkto Schattierung und farbigem Spiel einsetzen.

Wenn man ehrlich ist, dann haben die Satzüberschriften nicht so schrecklich viel mit der Musik darunter zu tun. „Gabriel – die Reinheit“ Gottes – er könnte seine halsbrecherische Toccata im Bossa-Rhythmus (Abbildung 1) auch gegen die elegischen Klänge von „Haniel – die Gnade Gottes“ tauschen. Das würde auch passen und ginge in Ordnung. Dass allerdings Mikael („der Gott gleicht“) in Form eines sportiven Jazzrocktitels im West-Coast-Style daherkommt, ist schon lustig. Und übrigens gar nicht so einfach zu spielen, wenn man keinen Drummer hat, der den Pianisten im Zaum hält.

Die kontrastreichen und bildhaften „Angels“ dürften vor allem jüngere Spieler in ihrem Bann ziehen. Wie eine „Neue Kammermusik“ aussehen könnte, die jugendliche Musiker anspricht, darüber ist in den letzten Jahren manche These aufgestellt und mancher Takt geschrieben worden. Nicht immer zur Freude und zum Spielvergnügen der jungen Musiker. Nie mehr im Leben hat man so viel Kraft mit fünfzehn oder sechzehn Jahren – und die will man auch in der Musik umsetzen. Pianisten entdecken Rachmaninoff, Streicher verlieben sich in die Konzerte von Sibelius und Schostakowitsch, Bläser schließen sich zu Bands und Harmoniemusiken zusammen und alle lieben Filmmusik, Rockmusik und die Symphonien von Gustav Mahler. Doch neue Kammermusik, die allen diesen Bedürfnissen entgegenkommt, ist schwer zu finden. Was angeboten wird, ist oft mittelmäßig seichter Pseudo-Pop, der „nachgemacht“ klingt und oft auch schlecht in der Hand liegt. Oder es ist so verstiegen und „theoretisch“, dass auch der Neugierigste irgendwann seine Neugierde zügelt und sich lieber wieder anderen Tätigkeiten widmet.

Was vielleicht auch daran liegt, dass die Komponisten von „klassischer Musik“ sich immer noch viel zu wenig mit populären Kunstformen auskennen – und umgekehrt viele Popmusiker nicht über die handwerklichen Fähigkeiten verfügen, Kammermusik auf professionellem Niveau zu schreiben. Und wenn es dann mal geschrieben wird, dann will es niemand verlegen, weil es für die einen zu schwer und für die anderen zu leicht sein könnte. Und weil einem eventuell die ganze Richtung etwas suspekt ist.

Mit den „Five Angels“ könnte Peters einen Trend setzen. Anspruchvolle Kammermusik im populären Stil, die genug Fallgruben und Hürden bereithält, um den strengen Anforderungen von „Jugend musiziert“ zu genügen – so etwas braucht man doch eigentlich immer. Man denke nur an viele triste Runden bei „Jugend musiziert“, bei denen man mit dieser Musik durchaus Chancen haben dürfte. Oder an ambitionierte Vorspielabende der heimischen Musikschule, die nicht immer dasselbe Potpourri bieten will. Hoffen wir, dass die „Five Angels“ nur einen Anfang bilden für viele schöne Stücke, die noch folgen werden.




Peter Przystaniak | Five Angels für Klarinette und Klavier (Violine und Violoncello ad lib.) |
Mit CD | Weitere Fassungen für Flöte, Violine, Viola und Violoncello | Edition Peters EP 11320 |
EUR 14,80

I. Gabriel - die Reinheit Gottes (2008)
II. Haniel - die Gnade Gottes (2008)
III. Mikael - der Gott gleicht (2008)
IV. Raphael - die heilende Kraft Gottes (2008)
V. Kamael - die Macht Gottes (2008)




Mittwoch, 6. Juli 2011

Heinrich Sutermeister | Bergsommer




Heinrich Sutermeister | Bergsommer – Acht kleine Stücke für Klavier | Edition Schott ED 2881 | EUR 11,95

„Wie wir die Welt der Töne unserem Gegenwartsempfinden dienstlich machen wollen, das soll unser persönlichstes Anliegen bleiben. Aber auch hier gilt es, das Bildnis des Menschen musikalisch zu erwärmen und zu durchleuchten. Noch heute verfügen wir Komponisten über eine ungeheure Macht, die wir, zu getreuen Händen übernommen, beherrscht und weise auszuüben haben. Seien wir uns doch dieser Verantwortung bewusst und versuchen wir, die Verkrampfung in kurzsichtigen Machtpositionen und Gruppenbildungen, die das gegenwärtige Weltbild unheilvoll beherrschen, mit der Macht der Töne zu lockern und zu lösen.“

- Heinrich Sutermeister



Das ist eine Musik, die so recht aus der Zeit gefallen ist. Sie klingt ein wenig, als hätte ein deutscher Heimatfilmproduzent versehentlich einem Teilnehmer der Darmstädter Ferienkurse einen Kompositionsauftrag gegeben und der hätte sich auch redlich bemüht, die Anforderungen des Genres zu erfüllen – freilich ohne Erfolg.

Als dieses Klavieralbum 1940 erstmals erschien, lag Europa bereits im Krieg, rollten die ersten Züge in die Ghettos und Enrico Fermi legte in seinem Forschungslabor in Chicago die Grundlagen für den ersten Atombombenabwurf über Japan. Mit seinen idyllischen Schilderungen von „Bergbahn“ und „Abend auf der Alp“, von „Sennenball“ und „Geißenhirt“ wirkt diese Musik tatsächlich wie eine aus der Zeit gefallene Kostbarkeit. Eine Heimatmusik der subversiven Art, die munter Einflüsse der neuen Sachlichkeit mit naiver Postkartenromantik verbindet und auf unaufgeregte Weise ironisch wirkt. Oft muss man an Hindemith denken, etwa an dessen „Ouvertüre zum ‚Fliegenden Holländer‘ wie sie eine schlechte Kurkapelle morgens um 7 am Brunnen spielt“. Manchmal scheinen tschechische Märchenfilmmusiken durchzuklingen. Und man wäre nicht überrascht, wenn mit einem Mal Conny Froboess, Peter Kraus und Heinz Erhardt durchs Bild liefen. Das passt dann schon.




Dienstag, 5. Juli 2011

Anton Ferdinand Titz | Sechs Streichquartette (1781)



Anton Ferdinand Titz
Sechs Streichquartette (1781)
Herausgegeben von Klaus Harer
Edition Gravis ED 1839-1 / EG 1839-2
EUR 29,80 je Band

Mit Anton Ferdinand Titz betritt ein weiteres Phantom der Musikgeschichte die kleine Bühne dieser Kolumne. Nur wenige biographische Daten aus dem Leben des russischen Hofvirtuosen sind durch Dokumente belegt. Geboren wurde er vermutlich um 1740 in Nürnberg, geigte im Orchester der Sebaldus-Kirche und verließ seine Heimatstadt, nachdem seine erste große Liebe auf wenig Widerhall traf. Um 1760 finden wir ihn in Wien, wo er alsbald die Bekanntschaft Christoph Willibald Glucks macht, dem der junge Musiker offensichtlich sympathisch ist und Titz in sein Opernorchester aufnimmt. Bei einer „musikalischen Akademie“ des Fürsten Lobkowitz wird der russische Staatsbeamte Pjotr Alexandrowitsch Sojmonow auf ihn aufmerksam und lud ihn nach Russland ein. 1771 ging Titz nach Sankt Petersburg.

Und dort besuchte ihn 1803 Louis Spohr. Geiger und Komponist wie Titz, allerdings jünger und smarter als der als „veraltert“ geltende Titz, der zu diesem Zeitpunkt schon den Ruf einer gewissen Eigenwilligkeit genoss. Da war Titz bereits tief in den Abgründen seiner manisch-depressiven Erkrankung versunken, versank oft wochenlang in Schweigen, fühlte sich von einem bösen Zauberer verfolgt, der ihm de Mittelfinger seiner linken Hand verhext habe, damit er nicht mehr geigen könne. Spohr hatte dafür nur ein spöttisches Lächeln übrig, wie für die als veraltet geltende Spielweise des Musikers. Doch über dessen Stellenwert als Komponisten ließ er keinen Zweifel aufkommen. „Ist nun Titz auch kein großer Geiger, noch weniger der größte aller Zeiten, wie seine Verehrer behaupten, so ist er doch unbezweifelt ein musikalisches Genie, wie seine Kompositionen hinlänglich beweisen“.

Eien Ansicht, die auch andere Musiker teilten: 1805 schrieb Korrespondent der „Allgemeinen Musikalischen Zeitung“: „Titz wohnt im Hause Teplows und genießt aller der Schonung und Sorgfalt, die jener unerklärliche Seelenzustand verlangt, und aller der Auszeichnung, die der im Adagio noch nicht übertroffene Künstler verdient.“

Die sechs hier vorgelegten Quartette sind vermutlich noch in Wien entstanden, wo sie 1781 auch (bei Artaria) erschienen sind. Titz erweist sich in Ihenn als Meister der musikalischen Form und spieltechnischer Finessen. Sprachlos macht den unvorbereiteten Hörer vor allem das unbändige d-moll-Quartett (Nr. 5), dessen zerrissener und tragischer Tonfall die Zeit von „Sturm und Drang“ bereits weit hinter sich lässt. Von besonderer Schönheit sind jedoch tatsächlich die „unübertroffenen“ Adagios: ganz gleich, ob in den Variationen des A-Dur-Quartetts (Nr. 2) oder den skurilen Launen des c-Moll-Quartetts (Nr. 3).

Die von Klaus Harer verantwortete Ausgabe bietet einen soliden Notentext auf der Basis neuester Erkenntnisse der Quellenforschung, ist sauber gesetzt und bietet problemlos spielbare Einzelstimmen mit guten Wendestellen und viel Platz für Bleistifteintragungen. Was will man also mehr?

Montag, 4. Juli 2011

Johann Sigismund Kusser, La cicala della cetra D’Eunomio



Johann Sigismund Kusser
La cicala della cetra D’Eunomio
Sechs Consortsuiten für 2 Oboen, Fagott, Streicher und B.c.
Herausgegeben von Michael Robertson
Edition Walhall EW 747
EUR 29,80

Der Trip nach Paris gehörte für jung deutsche Adelige des ausgehenden 17. Jahrhunderts zum festen Bestandteil ihrer Ausbildung, der „Grand Tour“. Sie stellte ursprünglich den Abschluss der Erziehung dar und sollte der Bildung des Reisenden den „letzten Schliff“ geben. Die jungen Männer suchten insbesondere bedeutende europäische Kunststädte auf reisten durch malerische Landschaften und sprachen an europäischen Fürstenhöfen vor. Dabei sollten sie Kultur und Sitten fremder Länder kennenlernen, neue Eindrücke sammeln und für das weitere Leben nützliche Kontakte knüpfen. Weiter diente die Tour der Vertiefung von Sprachkenntnissen sowie der Verfeinerung von Manieren, allgemein dem Erwerb von Weltläufigkeit, Status und Prestige. Gerade für adlige Reisende war es auch reizvoll, Lektionen französischer oder italienischer Fechtmeister in Anspruch zu nehmen oder sich mit fremden Tänzen vertraut zu machen. Besonders das höfische Zeremoniell Ludwigs XIV. und seines Kapellmeisters Lully war Gegenstand von Bewunderung und Nachahmung.

Dies hatte zur Folge, dass man – glücklich wieder heimgekehrt – auch von deutschen Hofmusikern verlangte, sich mit dem vor allem in Paris Gehörten vertraut zu machen, auf dass ein Hauch von Paris auch über die Tanzböden von Sigmaringen, Waldeck, Wittgenstein oder Berleburg wehe.

Auch in Ansbach, wo der 1660 in Pressburg geborene und in Paris ausgebildete Johann Sigismund Kusser die Hofkapelle befehligte, wurde aufwändig und langwierig geprobt, um den französischen Stil auch in Mittelfranken heimisch zu machen. Das ging nicht ohne Reibungsverluste ab, die „täglichen Exercitij“ in Sachen Bogenführung und Phrasierung gingen mindestens einem Musiker so sehr „gegen den Strich“, dass er um seine Entlassung bat.

Um welche Musik es sich dabei handelte, die unserem unbekannten Musiker so sehr missfiel, lässt sich anhand der schönen Neuausgabe der „Sechs Suiten“ in der Edition Walhall studiern, von denen nun die zweite erschienen ist. Der Einfluss Lullys ist unverkennbar: gravitätische Punktierungen in den langsamen Sätzen, fugierte Einsätze in den schnellen Passagen und das alles gehüllt in ein prächtiges und üppiges Gewand aus Klängen. Nur in harmonischer Hinsicht bricht bei Kusser – oder Jean Sigismond Cousser wie er sich nach seinem Frankreichaufenthalt nannte – immer wieder der Böhme durch. Bukolisches F-Dur, das an heiße Sommertage und endlose Weizenfelder erinnert und volksliedhafte Wendungen. Hier steht Cousser/Kusser ganz in mitteldeutscher Komponiertradition. Eine echte Entdeckung, für die man Herausgeber Michael Robertson dankbar sein darf.



Freitag, 1. Juli 2011

Isaak Ossipowitsch Dunajewski, Die Kinder des Kapitän Grant



Isaak Ossipowitsch Dunajewski
Die Kinder des Kapitän Grant (Ouvertüre)
Bearbeitung für Bläserquintett und KIavier von Vladimir Genin
Edition Sikorski ED 2412
EUR 26,-

„Die Kinder des Kapitän Grant“ ist ein fesselnder Abenteuerroman aus der Feder des großen französischen Romanciers Jules Verne. Die Geschichte von Lord Glenarvan und Lady Helena, von Major MacNabbs und den Kindern des Kapitän Grant, dem zwölfjährigen Robert Grant und der 16jährigen Mary Grant, lebt von schrecklichen Katastrophen, überraschenden Wendungen und wunderbaren Rettungen. Mit seinen stetig wechselnden Schauplätze und der Vielzahl der handelnden Figuren ist der Roman farbiger als manch anderer Roman Jules Vernes – dennoch ist er hierzulande verhältnismäßig unbekannt geblieben. In Russland hingegen kennt jedes Kind die Geschichte der geheimnisvollen Flaschenpost und der gestrandeten Ballonfahrer – zumindest in der Filmfassung von 1936, für die der vor allem in den zwanziger und dreißiger Jahren sehr erfolgreiche Isaak Dunajewski eine dramatisch-heroische Musik für Kinderchor und Orchester schrieb.

Für heutige Ohren klingt diese Musik und vor allem die Lieder, zeitgebunden und nostalgisch: so optimistisch-zuversichtliche könnte nur eine Jugend in die Zukunft marschieren, die die Schrecken von Stalinismus und Faschismus noch nicht bis zum Ende erlebt hatte. Weit ausschreitende Melodiebögen, pathetische Harmonien und ein hurtig dahinschreitender Marschrhythmus, der fabelhaft zu den optimistischen Bildern der Filmfassung passt.

Wer fünf Kammermusikfreunde hat und Lust verspürt, sich selbst auf musikalische Entdeckungsfahrt zu begeben, dem sei die kongeniale Kammermusikbearbeitung der Ouvertüre aus der Feder Vladmir Genins ans Herz gelegt. Ein bisschen „Holländer“, ein bisschen Prokofieff und ein ordentliche Prise sozialistischer Realismus – der Spaß bleibt nicht aus.

Donnerstag, 2. Juni 2011

Streichquartette von Joseph Martin Kraus

Er gilt als der „schwedische Mozart“: Joseph Martin Kraus. Mit dem berühmten Kollegen teilt er dabei nicht nur das Geburtsjahr – er hat ihn auch nur um ein halbes Jahr überlebt. Der aus dem fränkischen Miltenberg stammende Musiker begann zeittypisch in der Tradition der Mannheimer Schule und entwickelte sich bald zu einem der eminentesten Vertreter des musikalischen Sturm und Drang. 

Karriere machte Kraus jedoch nicht in seiner Heimat, sondern in der schwedischen Hauptstadt Stockholm. Er war Kapellmeister im Dienste des schwedischen Königs und erlebte das (wiederholt als Opernhandlung dramatisierte) Attentat auf Gustav III. bei einem Maskenball aus nächster Nähe.
Sein ausgeprägter dramaturgischer Instinkt, der sich auch in einigen Opernkompositionen zeigte, durchwirkt auch die Streichquartette, von denen hier drei in einer schönen Neuausgabe erschienen sind.

Es handelt sich dabei um durchaus experimentelle Werke mit originellen und effektvollen Einfällen, so im Allegro des D-Dur Quartetts mit seiner asymmetrischen Stimmführung oder den Echowirkungen des gleichen Werkes. Melancholisch wirkt die fahle Elegie und merkwürdig gebrochene Melodik des f-moll-Quartetts.

In Kraus‘ Musik finden sich Einflüsse Haydns, Glucks und Mozarts – eingeschmolzen in dichten, substantiellen Satz voller Schwung und Feuer, Zartheit und Eleganz. Mozartisch ist die Lust an figurativer Fragilität, die gerne mit barockem Kontrapunkt verbunden wird. Seine Steigerungen – ganz nach Mannheimer Gusto – baut Kraus mit Direktheit und Stringenz. Auffallend ist die Dominanz der Molltonarten, der dunklen Stimmungen, die pathetische Grundhaltung, die Gluck viel verdankt.

Warum Joseph Martin Kraus nach seinem Tod rasch vergessen wurde, ist nicht recht einleuchtend. An der Musik kann es nicht liegen, die ist ebenso gut wie die seiner bedeutenden Zeitgenossen Mozart und Haydn – nur eben ganz anders. Dass einige seiner Werke auch Joseph Haydn zu geschrieben wurden, spricht ebenfalls für das Urteil des „Vaters der Wiener Klassik“. Der nannte Kraus „eines der größten Genies, die ich je gekannt habe“. Dem sollte man nicht widersprechen.


Joseph Martin Kraus
Streichquartett in f-moll VB 178
CV 50.651
EUR 17,20

Streichquartett in E-Dur VB 180
CV 50.653
EUR 21,40

Streichquartett in D-Dur op. 1,4 VB 184
CV 50.658
EUR 27,40