Montag, 12. August 2013

Hans Pfitzner, Quintett C-Dur für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier, op. 23




Man kann nicht sagen, dass die Musik Hans Pfitzners aus den Programmen heutiger Konzertveranstalter verschwunden sei. Aber es doch ruhig geworden um den (nach eigener Einschätzung) bedeutendsten deutschen Komponisten des 20. Jahrhunderts. Ein Blick ins Bühnenjahrbuch offenbart: das einst beliebte Klavierkonzert wird kaum noch gespielt, die Opern „Die Rose vom Liebesgarten“ und „Palestrina“ kommen nur noch in wenigen Theatern zur Aufführung und auch um die Kammermusik ist es nicht gut bestellt. Die Gründe dafür mögen zum einen in der Persönlichkeit des Komponisten selbst liegen, den man ohne Übertreibung als „schwierigen Patienten“ bezeichnen darf. Dass er sich zwischen 1933 und 1945 den Nazis andiente, wo er nur konnte, hat man ihm – anders als etwa dem zweifachen NSDAP-Mitglied Herbert von Karajan, dem Reichsmusikkammerpräsidenten Richard Strauss und dem Goebbels-Freund Franz Lehar – auch nicht so recht verzeihen wollen. Zum anderen wuchs in den fünfziger Jahren eine neue Generation von Musikern heran, deren in Darmstadt und Donaueschingen geschulte Ohren nicht mehr so recht an das tiefempfundene Pathos der deutschen Postromantik glauben wollten. Für sie war Hans Pfitzner so etwas wie der ungeliebte Großonkel aus dem Dritten Reich: ein musikalischer „Herrenreiter“, natürlich Antisemit und Nationalist, der seine stinkenden Zigarren sogar im Konzertsaal paffte, chronisch schlecht gelaunt war und seine eigene Mittelmäßigkeit durch ätzenden Zynismus und vollkommen ungerechtfertigte Überheblichkeit gegenüber seine komponierenden Kollegen kompensieren musste. Eigentlich eine arme Sau, die aber trotzdem niemand gerne zum Patenonkel hätte haben wollen.

Vielleicht musste Pfitzners Musik tatsächlich ein paar Jahrzehnte ruhen, um von einer neuen Musikergeneration wiederentdeckt zu werden. Möglicherweise bedurfte es einer neuen Generation von Musikern, deren Musikverständnis vom analytischen Blick der historischen Aufführungspraxis geschärft worden war, um Hans Pfitzner als einen Komponisten zu erkennen, dessen Musik uns auch heute noch etwas zu sagen hat. Und da die Inszenierung einer Oper oder die Aufführung eines seiner großen Orchesterwerke an den wie üblich knapp bemessenen finanziellen Ressourcen scheitern dürfte, stehen die Chancen für Pfitzners Kammermusik gar nicht schlecht.

Zum Beispiel für das Klavierquintett C-Dur op. 23, das nun in einem revidierten Nachdruck der Erstausgabe von 1908 in der Edition Peters erschienen ist. Entstanden ist es im Jahr des Erstdrucks zu Beginn von Pfitzners außerordentlich fruchtbaren Straßburger Zeit und stellt nicht nur in seinem eigenen Schaffen einen besonderen Höhepunkt dar, sondern zählte auch lange Zeit zu den wichtigsten und meist gespielten Werken des Genres. Dabei war die Uraufführung am 17. November (die Pfitzner selbst mit dem legendären Rosé-Quartett spielte) alles andere als ein durchschlagender Erfolg; die professionelle Kritik bemängelte, der Komponist verrenne sich „zu sehr in harmonische Tifteleien und Fantastereien, die abschrecken“. Ein anderer Rezensent meinte gar, das Werk gegen sein Publikum in Schutz nehmen zu müssen: „Denjenigen, die während der Vorführung lachten und hinterher zischten, scheint es nicht aufgegangen zu sein, daß dem hohen Ernste des Tonsetzers und seinem bedeutendsten Können in jedem Fall große Achtung entgegenzubringen ist“.

Was ist es also, das Pfitzners C-Dur-Quintett für die Zeitgenossen so befremdlich erscheinen ließ – und das es für uns womöglich gerade interessant macht? Was Publikum und Kritik erschien: die eigenwillige Verfügung über ein Arsenal romantischer Stilmittel, welche der Komponist wie in einem Kaleidoskop zu unerwarteten und sich beständig verändernden Abfolgen anordnet. Der plötzliche Wechsel von frei strömendem Genius und eigenartig zögernden Passagen, die Mischung von strengem Kontrapunkt und improvisatorischen Passagen. Eine Instrumentierung, die vom kammermusikalisch-intimen pianissimo bis zur orchestralen Eruption reicht. Eine reichhaltige Harmonik, die von Schubert bis zum frühen Schönberg ein ganzes Jahrhundert Revue passieren lässt. All das macht Pfitzner zu einem postromantischen Komponisten, der die von ihm verwendeten Mittel mit einer sehr speziellen Mischung aus innerer Bewegtheit und Distanz zusammenfügt. Wo Schumann und auch Brahms noch ihre eigenen Lebensdramen zu komponieren schienen, trägt Pfitzner die Maske des „als ob“ – der grandiose Trauermarsch des langsamen Satzes: Er ist eben nur ein Zitat eines Lebensgefühls. Oder vielleicht doch nicht?   


Hans Pfitzner
Quintett C-Dur für 2 Violinen, Viola, Violoncello und Klavier, op. 23
Herausgegeben von Johann Peter Vogel
Edition Peters
EP 2923a



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