Montag, 12. August 2013

Otto Malling, Oktett für 4 Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncelli




Otto Valdemar Malling… Hmm, das ist auch wieder ein Name, den man erst einmal im MGG nachschlägt. Am 1. Juni 1848 in Kopenhagen geboren, studiert er bei Niels Gade am Konservatorium seiner Heimatstadt und galt schon recht bald als einer der bedeutendsten Organisten Dänemarks. Mit 36 Jahren übernahm er die Professur für Musiktheorie, Instrumentation und Komposition in Kopenhagen und wurde schließlich zu dessen Direktor bestimmt – eine Position, die er bis zu seinem Tod behielt.  Bei seinen Studenten galt er als strenger Lehrer, war aber wegen seines leidenschaftlichen Engagement für die Musik weniger gefürchtet als vielmehr geachtet, auch wenn er sich mit den neuesten Entwicklungen der dänischen Avantgarde nicht mehr anfreunden konnte. Als er am 5.Oktober 1915 im Alter von 67 Jahren starb, hinterließ er neben einigen Orchesterwerken (darunter eine Symphonie und ein Klavierkonzert) vor allem Kammermusik, Lieder und zahlreiche Chorstücke (er hatte zu Beginn seiner Karriere mehrere gute Chöre geleitet) und wenn diese Werke ebenso wohl geraten sind wie das von Wolfgang Birtel vorgelegte Streichoktett d-moll aus dem Jahre 1893, so dürfte wohl noch manche schöne Entdeckung zu machen sein.

Selten habe ich eine Partitur mit so viel Begeisterung durchgespielt: Mallings musikalische Handschrift ist stark und mit kaum einem anderen Komponisten seiner Zeit zu verwechseln. Die Vorliebe für archaisierende Klangelemente (Borduntöne, leittonlose Kadenzen oder die Verwendung gleitender Sextakkorde) verbindet ihn mit anderen nordeuropäischen Komponisten seiner Zeit. Mindestens ebenso stark ist jedoch das geistige Band, das ihn mit den großen französischen Musikern des fin de siecle verbindet: mit Gounod und Massenet, mehr aber noch mit Gabriel Fauré, dessen Fähigkeit zur durchsichtigen Instrumentation auch vielstimmigster Passagen er ebenso teilt wie die Vorliebe für ausgesuchte Harmonien und ungewöhnliche Abweichungen in scheinbar einfachen Melodieverläufen.

Schon die allerersten Takte des Kopfsatzes (Allegro apassionato) lassen aufhorchen: Die seltsam zwischen melodischem und dorischen d-moll schwankende Tonalität des ersten Themas, die raffinert bewegten Mittelstimmen und ein Bassverlauf, der den gesamten Satz durch die konsequente Vermeidung von Akkordgrundtönen in der Schwebe hält, bis nach einer groß angelegten Steigerung endlich im dreizehnten Takt das erste Forte erreicht wird. Ein choralartiges Seitenthema wird von den Bratschen angeführt – der sich daraus ergebende Klang weckt Assoziationen an ein Gambenconsort des 17. Jahrhunderts. Immer wieder gelingt es Malling, die Erwartungen des Hörers spannungsvoll zu schüren und auf höchst angenehme Weise zu „enttäuschen“ – so geschehen mit dem Einsatz des 2. Themas: Ein von vielen Stellen, für die die Memory-Funktion bei CD-Spielern erfunden wurde. Die überlegte Disposition der musikalischen Mittel, die immer wieder überraschenden Seitenblicke und ein sicherer Instinkt für Farbwechsel und Schattierungen erweisen Malling als Meister, der keinen Vergleich mit den Großen seiner Zeit zu scheuen braucht.

Viel wäre noch zu schreiben – über das folkloristische Scherzo etwa, das mit seiner erweiterten Tonalität bereits an Bartok oder Kodaly erinnert. Über das in singende Intermezzo mit seinen erlesenen Harmonien und den immer wieder neuen Farben. Oder über das überschäumende Finale, das der traditionellen Rondoform durch die Einbeziehung immer wieder neuer Elemente einen ganz neuen Sinn verleiht. Da hilft eigentlich nur eines: Selber spielen und hoffen, dass die sich abzeichnende Malling-Renaissance der letzten Jahre endlich ihre Früchte trägt. Mit diesem Werk besitzt die Kammermusikwelt endlich wieder ein Streichoktett, das seinen beiden großen Vorläufern von Mendelssohn und Gade mindestens ebenbürtig ist. 


Otto Malling
Oktett für 4 Violinen, 2 Bratschen und 2 Violoncelli
Herausgegeben von Wolfgang Birtel
Edition Dohr
ED 20758
EUR 39,80


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